Du kündigst? Wir schicken den Gerichtsvollzieher!
Wie ihr schon gehört habt, haben uns Kündigungen an Heiligabend erreicht.
Irgendwie hat uns das gerade jetzt zu diesem Zeitpunkt überrascht und auch bisschen geschockt, allerdings bestätigte sich doch eigentlich nur das, was wir schon lange wissen und immer wieder erleben müssen: Wir, die Bewohnenden der E97, können hier nicht in Ruhe mieten und wohnen. Unsere Mietverträge und unsere Existenz stehen mal wieder zur Disposition.
Warum wir von dem Zeitpunkt überrascht sind und was die letzten Wochen und Monate passiert ist, kommt hier eine kurze Zusammenfassung.
Nachdem wir uns zuerst die Gasversorgung zurück erstritten und direkt danach die Räumungsklagen gewonnen haben, hatten wir uns auf eine etwas ruhigere Phase gefreut und die Urteile auch als Bestätigung unserer Überzeugung, dass wir hier rechtmäßig sind und wohnen bleiben dürfen, gesehen. Und wir hatten gehofft, dass der Eigentümer und seine Gehilfen ihre Lehren daraus ziehen und uns längerfristig in Ruhe lassen.
Den Eigentümer schienen seine Niederlagen vor Gericht in seinen Plänen mit dem Haus vorerst nicht zu beirren. Er beauftragte weiterhin zahlreiche Schönheitssanierungen, vor allen Dingen im Keller und Treppenhaus sowie den Flurbereichen des Wohnhauses. Auch das Dachgeschoss wurde weiter ausgebaut, um die Elektrik hoch zu legen, musste man mal wieder in unsere Wohnungen. Natürlich alles wie immer: unangekündigt.
Das Ergebnis konnte dann bei eBay Kleinanzeigen gefunden werden: Investitionschance in Leipzig, Eisenbahnstraße. Top sanierte Wohnung mit hohem Potenzial aus Neuvermietung (heißt, wenn wir alle rausgeschmissen worden sind), tolle Fotos, garniert mit vielen tollen Zahlen, die Investoren anlocken sollten. Preis: 3 Mio €. Für uns ergab sich ein steriler Hausflur mit kalten weißen Wänden und Raufaserputz, der die Atmosphäre von Ordnung herstellen sollte, tatsächlich aber nur kaschiert, in welcher nach wie vor schwierigen Situation wir uns als Bewohnende befinden. Denn obwohl nach Außen die Immobilie saniert erscheint, haben sich in unseren Wohnungen die Verhältnisse kein bisschen geändert. Die Mängel existieren nach wie vor, grundlegende Bereiche der Infrastruktur bedürfen Instandsetzungsmaßnahmen, die wir allesamt angezeigt haben und nicht müde werden, diese zu wiederholen. Keine Reaktion vom Eigentümer. Doch immerhin: Seitdem die neue Elektrik verlegt wurde, funktioniert die Klingelanlage nicht mehr.
Trotz dieser Umstände erkannten wir die Möglichkeit, selbst tätig zu werden und einem neuen Käufer bzw. Investor zuvorzukommen und selbst in Kaufverhandlungen mit dem Eigentümer zu gehen. Im Zuge dessen haben wir eine Appeasement-Politik verfolgt und versucht, kooperativ zu sein, weitere Eskalationen zu vermeiden und stattdessen alle unsere Energien in die Organisation eines möglichen Hauskaufs gesteckt.
Wir haben eine Stiftung gefunden, die uns dabei unterstützt, haben Finanzierungspläne aufgestellt und uns Gedanken darum gemacht, wie wir das alles stemmen können. Tatsächlich konnten wir dem Eigentümer mit Hilfe der Stiftung ein Kaufangebot unterbreiten – zu dem von ihm vorgeschlagenen Preis. Ein Angebot also, was mehr als angemessen ist!
Wir hatten die Hoffnung, dass wir nun endgültig selbstbestimmt und selbstverwaltet leben können, ohne die Befürchtung, weiterhin Stress, Repression und Schikanen zu erfahren und einem langfristig konfliktreichen Mietverhältnis zu entgehen. Und nachdem wir uns gedanklich darauf eingestellt haben, endlich eine selbstverwaltete Wohngemeinschaft zu werden, erhalten wir Kündigungen vom Eigentümer. Und das noch an Heiligabend. Das ist kein Zufall und legt mal wieder offen, was wir schon immer wussten:
Man will uns hier loswerden und jedes Bemühen von uns, zu kooperieren oder proaktiv Verantwortung zu übernehmen, ist zum Scheitern verurteilt. Wir müssen wieder Wohnungsbegehungen und Beleidigungen über uns ergehen lassen und viel Arbeit, die wir nicht haben kommen sehen, steht uns bevor.
Mit den Kündigungen stellen wir uns auf eine neue Runde Auseinandersetzung ein und werden auch unsere Appeasement-Politik revidieren und in die Offensive gehen.
Es wird sich noch zeigen, wer hier den längeren Atem hat.
Die Ironie des Ganzen: Während wir aufgrund imaginierter Mietschulden gekündigt werden, haben wir unseren Anwalt soeben beauftragt, die Gerichtskosten aus den gewonnenen Verfahren zu vollstrecken, auf die wir seit Monaten warten. Uns selbst Geld schulden, aber uns wegen Mietrückständen rausschmeißen wollen…
Wir für unseren Teil sind gut vorbereitet und tun alles dafür, unsere Mietverträge und unsere Lebensrealitäten hier langfristig zu sichern. Sei es durch die rechtliche Auseinandersetzung vor Gericht, oder die weiterhin bestehende Bereitschaft eines Hauskaufs oder einfach dadurch, dass wir widerständig und unbequem sind und bleiben. Heute, morgen und in Zukunft.
An dieser Stelle: Vielen Dank für die Unterstützung und die Spenden, die wir seitdem erhalten haben. Das ist ein tolles Zeichen von großer Solidarität aus unserem Umfeld, ohne dass es unmöglich wäre, diesen Kampf zu führen und die wir für die bevorstehende Auseinandersetzung auch dringend brauchen.
Kämpferischen Gruß, eure E97.










